Misanthropie

Die Einsamkeit greift dich, greift mich; erschrecktes Hochfahren aus längst vergessenen Träumen. Es ist das Tauziehen im Taumeln der Gesellschaft. Alle haben diesen einen Menschen, diesen einen Freund, Jemanden, dem sie vertrauen können, der an ihrer Seite steht, mit dem sie Dinge unternehmen. Ich dagegen schnüre meine Schuhe, fünf, manchmal sechs Mal die Woche, täglich 60+ Minuten Sport. Vergessen. Müde lächle ich die Menschen an, kann sie nicht ansprechen, während die Tränen aus mir ausbrechen. Diesen einen Menschen gibt es für mich nicht, hat es nie gegeben. Vertrauen kann ich nicht und immer wenn ich es tue, darf ich am Ende die Scherben auf dem Boden aufsammeln, mit den Knien, auf die ich gesunken bin.

Das Blut ist überall. Es ist die Wut an den Wänden in den wirren Worten in den leblosen Adern. Der Puls rast. Die Leistungsfähigkeit ist nur Ersatz für ruhelose Kompensation. Was auch immer der richtige Weg ist, für die anderen wird es nie gut genug sein. Egal, wie sehr der Einzelne an sich arbeitet. Immer sind es die Steine, die in den Weg geworfen werden, weil Menschen einander nicht vertrauen können, weil sie den Mut verloren haben, einander vertrauen zu wollen.

Ich bin nicht der einfachste Weg, noch nie gewesen. Immer habe ich irgendwie anders sein müssen. Anders sein wollen. Nicht gleich sein können. Die stumpfsinnigen Gespräche ermüden mich. Dann brauche ich wieder die Luft zum atmen, in meinem Sessel, in dem ich manchmal einfach nur ein Buch lese. Den ganzen Tag. Während ich meine Abschlussarbeit schreiben sollte. Die Müdigkeit sich über meine Knochen legt und ich einen Mittagschlaf halte, weil ich vergessen habe, mein Magnesium zu nehmen. Weil ich vergessen habe, wie die Kommunikation mit Menschen funktioniert. Weil ich selbst einfach nur funktionieren möchte, mich auf meinen Arbeitsplatz begebe und meine Aufgaben bearbeite ohne darüber reden zu wollen, weil die Ängste mich auffressen, dass ich all das nicht schaffen kann, dass ich am Ende schlaflos die Nächte –

Es ist wirr. Es ist die Müdigkeit. Es ist die Verworrenheit. Es ist ein Lebenszeichen aus einer Vergänglichkeit heraus. Es ist der Drogenrausch des Misanthropie. Selbst wenn ich wollte, ich könnte es nicht. Die Dummheit weiter ertragen. Es geht nicht um die Richtigkeit der Entscheidung, sondern die Fatalität der Wahrheit, die ich immer um mich trage, die ich anderen immer ins Gesicht sage. Die Menschen können kaum damit umgehen, wenn nicht alles in diverse Päckchen verschnürt ist. Ich habe es satt, so tun zu müssen, als ob ich das könnte. Energie in Menschen zu stecken, die es nicht zurückgeben. Weil sie es nicht brauchen. Weil sie es schon haben. Ihn schon haben. Den einen Freund (mindestens), den Jeder hat.

3 Kommentare zu „Misanthropie

  1. Lebe sheshebens,

    ich lese Dich nun schon fast ein Jahr, und noch immer hat mich jeder Deiner Texte und Gedanken angesprochen, emotional angesprochen. Und zwar auf eine Weise, die ich immer als zutiefst menschlich empfunden habe und empfinde. Überdies durfte ich Dich, wenigstens was meine Person, mit all ihren Macken, ihren Verworrenheiten, ihrer Krankheit betrifft, als einen sich mir zuwendenden, Geduld mit mir aufbringenden, mich verstehen aber nie verurteilen wollenden Menschen erleben.

    Wie ich es auch drehe und wende: ich finde nichts, was mit Dir zu tun hat und ich misanthropisch nennen könnte oder möchte. Ganz im Gegenteil: Ich nehme Dich als in besonderer Weise, in des Wortes eigentlicher, ursprünglicher und Sinn machender Weise als menschlich wahr.

    (Keineswegs nur wegen des „Lieben Du“, das mir tatsächlich niemals zuvor jemand gesagt hat, das aber so einzigartig voller Wärme ist, wie sie nur jemand schenken kann, der sehr, der ganz Mensch ist!)

    Wenn Du Dich tatsächlich als misanthropisch siehst, dann hat das, so wage ich zu behaupten, weniger mit Dir als mit denjenigen Menschen zu tun, die Dich grundsätzlich umgeben, die unsere Gesellschaft ausmachen, sie wesentlich charakterisieren.

    In diesen Menschen, dieser Gesellschaft, vermagst Du Dich nicht wiederzufinden, keine oder nur kaum Anknüpfungspunkte zu finden. Deine Art und Weise zu denken, ist eine andere als die allgemein übliche und anerkannte, Deine Art zu fragen, zu schreiben, Dich austauschen zu wollen, entsprechen nicht dem, was Mainstream ist, als „in“ gilt oder zur Norm postuliert wird. (Von wem auch immer.)

    Oberflächlichkeit im Denken, im Schreiben, im Hinterfragen, mutmaßlich auch im Tun, sind Dir fremd.

    Nicht Du hast vergessen, wie Kommunikation funktionieren sollte. So viele, viele andere haben das!

    Nahezu alles, was insbesondere in Zuammenhang mit Kommunikation, mit Fragen stellen und beantworten, zu tun hat, und auch nur ein bisschen komplexer, ein bisschen differenzierter, ein bisschen metaphorischer, nachdenklicher oder gar eigenwilliger, charakterspezifischer daherkommt, gilt entweder als suspekt, abgehoben oder ganz plump als zu schwierig als das man sich ihm widmen, sich damit beschäftigen oder gar willentlich auseinandersetzen würde. Gleichgültigkeit ist so wunderbar bequem, Unverbindlichkeit so wenig belastend, „Dazugehören“ erstrebenswert.

    Wahrscheinlich geht es mir ganz ähnlich ier Dir: Ich kann mit dem üblichen Smalltalk, der Belanglosigkeit und, mit Verlaub der freiwillig antrainierten Dümmlichkeit, dem Besserwissen auf niedrigstem Niveau auch nichts anfangen, wende mich davon ab, bin frustriert und verunsichert davon.

    Ich bin darum (und meiner Angsstörung geschuldet) nicht gern unter Menschen, schon gar nicht gern unter vielen, wo die Unverbindlichkeit und Belanglosigkeit Credo sind, derjenige, der den neusten Witz reißt der Größte und womöglich derjenige, der beim Alkohol am besten mithalten kann (oder das wenigstens vorgibt) der Anerkannteste ist.

    Ich weiß, dass ich in den Ohren etlicher zeitgenossen arrogant klinge, wenn ich so rede oder schreibe. gemeint ist freilich nicht, anderen ihren Lebenssinn auszureden, solange er Dritte nicht verletzt oder tatsächlich beeinträchtigt, aber ich möchte bitte den meinen auch leben dürfen und zwar ohne mich dafür andauernd rechtfertigen oder gar verteidigen zu müssen.

    Ich schätze um so mehr kleine Runden mit wenigen Menschen, solchen, mit denen ich wahrhaftig noch REDEN, mich austauschen kann. Dabei muss es nicht nur todernst zugehen, es müssen auch nicht nur die ganz schweren Themen sein, vor allem die ART und Weise des Kommunizierens ist wichtig.

    Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Du eine wunderbare Gesprächspartnerin genau in diesem Sinne wärst, liebe sheshebens.

    Ich weiß nicht, wie viele Menschen jenen einen Menschen haben, „den jeder hat“. – Die Menschen, die ich tatsächlich WIRKLICHE Freunde nenne, sind wenige. Abgesehen von meiner kleinen Familie, die in diesem Kontext noch mal etwas spezielles ist, sind alle anderen örtlich gesehen nicht in meiner Nähe. Und alle sind sehr verschieden.

    Jemanden, den ich tatsächlich sehr, sehr schätze, dem ich auch auf Sensibilitäten bezogen, die ich sonst nirgendwo so thematisieren konnte, tatsächlich vertrauen kann, habe ich erst vor etwa drei jahen kennengelernt, und zwar hier über das Schreiben in der virtuellen Welt. – Inzwischen kennen wir uns persönlich, sind wahrhaftige Freudne auch in der realen Welt geworden. Wir können uns nur sehr selten sehen, tatsächlich Zeit miteinander verbringen, aber wir schreiben uns, wir telefonieren miteinander. Und jeder weiß vom anderen, dass er jederzeit DA ist. Das habe ich SO vorher noch nie erlebt. – Interessant am Rande: Diese Person sagt von sich selbst auch, dass sie gemeinhin schnell für arrogant gehalten wird. – Ich weiß, das genau das gegenteil wahr ist. Es gibt nur wenige so menschliche, so einfühlsame, so kluge und freundliche Menschen, wie diese Person.

    Dich „kenne“ ich weit weniger, aber wenn mich mein Empfinden nach dem nun schon Monate währenden „Dich lesen“ nicht vollends trügt, dann bist Du eben auch jemand, der auf besondere Weise menschlich ist, der einen schönen Charakter hat.

    Nun ist mein „Kommentar“ weit länger geworden als dein Eintrag. Bitte verzeih mir, wenn es zu lang, zu viel war. – Ich habe freilich keineswegs nur aus einer Emotion heraus gescfhrieben, sondern weil es mir ein Bedürfnis war, Dir einmal etwas mehr, etwas persönlicher auch, zu schreiben. – Ich wünsche mir sehr, sehr für Dich, dass Vertrauen, was Du schenkst, erwidert wird. Meinerseits werde ich das stets tun. – Ich schätze Dich, so wie Du bist. Du bist auch ein „Liebes Du!“ Und soweit Du es magst, zulassen kannst und es auch tatsächlich im Sinne von Gegenseitigkeit annehmen möchtest, bin ich Dir gern und aufrichtig Freund.

    Ganz liebe Abendgrüße an Dich, liebe sheshebens! 💚

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  2. Lieber Sternflüsterer,

    Deine Worte berühren mich zutiefst! So lange begleitest Du mich schon (Ich war mir selbst nicht einmal mehr gewahr, dass ich schon seit fast einem Jahr wieder schreibe) und mein Herz hüpft jedes Mal, wenn ich eine Benachrichtigung darüber bekomme, dass Du mich kommentiert hast. Denn das ist schön. Das tut meiner Seele gut – Ich fühle mich verstanden.

    Ja, die tatsächlichen Freunde. Es ist ein schwieriges Thema. Ich habe nicht Wenige – Ich habe keine. In all den Jahren – und ich bin jung – habe ich es nie geschafft, die Menschen zu behalten. Vielleicht nicht aus Misanthropie, aber aus meinen negativen Eigenschaften heraus. Ich bin zu viel für die Menschen. Mit meiner Direktheit, mit meiner Krankheit, mit meinem Erleben. Anders sein zu müssen, naturgegeben anders zu sein. Vielleicht verzerren die Texte auch hier etwas – Niemand ist positiv, am allerwenigsten Ich. Ich habe viele Trümmer in meinem Leben hinterlassen, so dass ich ehrlich sein muss, dass ich einen Teil selbst verschuldet habe. Nun fällt es mir auch schwer, neu auf Menschen zuzugehen. Und dann wieder enttäuscht zu werden. Es gibt die einen, denen ich weh getan habe und die anderen, die es einfach nicht geschafft haben, ehrlich zu sein. Es ist SO schwer in dieser Gesellschaft, wenn ein Mensch vermeiden möchte, alles in Päckchen zu packen. Dann ist man zu viel. Die letzte Freundin, die nun gegangen ist – und lange nur noch eine Bekanntschaft war – hat genau dies gesagt. Ich wäre zu viel. Aber die Wahrheit ist – Ich war es ihr nicht wert, weil ich „nur“ eine Freundschaft hätte bieten können, aber eine, die nicht immer nur gut ist, sondern in der man an sich arbeiten und auch einmal streiten muss. – Dies Privilieg sieht sie für ihre Beziehungen oder nicht-Beziehungen – Den Männern, die sie ausnutzen – vor. In einer Freundschaft zu arbeiten, sich zu entwickeln. Dafür sind viele Menschen nicht bereit. Ich habe es ewiglich getan und bin müde ob des Smalltalks und in diese Treffen hineinzugehen – Durch eine körperliche Erkrnakung spüre ich nämlich meine Angst mittlerweile auf einem nicht nur physisch hemmenden Wege, so dass ich gelähmt bin und gänzlich zurückgezogen.

    Dennoch hast Du Recht. Menschen kommen einfach. Wir können es nicht beeinflussen. Ich freue mich – Für Dich – zu hören, dass auch Du einen Menschen gefunden hast – Deine Familie hast. Jemanden hast – Ich denke, dass es wichtig ist. Und es gibt mir Hoffnung, dass das auch in ein paar Jahren noch kommen kann. Nichtsdestotrotz möchte ich auf diese Zeit nicht später als Einsame zurückschauen und muss es doch tun. Und die Ängste werden stärker und brechen mich auseinander.

    Deine Worte sind so lieb und so herzlich und so schön – Die Zeit, die Du investiert hast und wie Du mich wahrnimmst. Ich freue mich sehr, dass Du Dir diese Zeit genommen hast. Das ist der Grund, warum Du ein ganz, ganz Liebes Du bist – Eines, welches ebenfalls voller Sehnsüchte ist und auf eine schwere Zeit zurückblickt.

    Ich kann kaum mehr sagen, außer dass ich Dir danke, für die Zeit, die Empfindsamkeit, die warmen Worte, die mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert haben. DANKE.

    Ein schönes Wochenende!

    Gefällt 1 Person

    1. Deine Antwort auf meinen Kommentar ist sehr bewegend für mich. In mir sind viele Gedanken dazu, die ich Dir, wenn ich sie ein bisschen sortiert habe, noch schreiben werde, liebe sheshebens. – Mit dem Sortieren ist es nur gerade sehr schwierig für mich. Die Erklärung dafür steht in meinem heutigen Eintrag geschrieben.

      Ich hoffe (nei: ich WEIß), dass Du verstehen wirst und bitte Dich um ein bisschen Geduld. Sobald es möglich ist, melde ich mich wieder. In der Zwischenzeit habe ich Dich, auch, wenn ich hier nicht zu sehen bin, in meiner Seele, meinem Herzen. Darauf darfst Du vertrauen. Übrigens auch und gerade nach dem, was Du mir hier mit so viel Vertrauensvorschuss geschrieben hast.

      Ein ganz aufrichtiges und großes Dankeschön dafür!

      Herzliche, liebe Grüße an Dich!

      Gefällt 1 Person

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