Einsamkeit

Auf dem Weg zurück ist dieser Laden, der ein Schild im Fenster hat, der seit 36 Jahren existiert, der neben der Kneipe ist, wo die Stammtischtrinker noch vor sechs Uhr am Stammtisch sitzen, der mir nie aufgefallen ist, nicht in den dreieinhalb Jahren, die ich jetzt in dieser Stadt lebe, in der ich nach zwanzigundeinpaarzerquetschten Jahren Lebenszeit das erste Mal von Heimat habe sprechen können, von einem Ort, wo ich ein Zuhause gefunden habe, einen Platz, der nur mir gehört.

Es ist noch immer windig, aber nicht mehr dunkel, wenn der Tag für die arbeitenden Menschen vorübergeht, die sich auf ihre Familien freuen und ihr Zuhause, in dem sie mehr oder weniger erwartet werden, in das sie Erwartungen bringen, einen Sinn, der die Kinder zum Strahlen bringt und die Wirklichkeit verblassen lässt, weil es doch nur Illusionen sind, in denen die Menschen sich besser bewegen können, wenn sie sich nicht mehr bewegen wollen. Hinter vorgezogenen Gardinen stehen Menschen, sie schreiben Geschichten und schreiben Gedichte und schreiben Lieder und Zeilen für das, was sie den Sinn des Lebens nennen.

Ich habe nie einen Sinn für mich finden können. Ich spüre diesen inneren Antrieb nicht. Ich fühle mich zu nichts berufen. Ich habe meinen Bachelor fast fertig, arbeite in einem engagierten Unternehmen. Die setzen sich für Klimaschutz ein, für soziale Gerechtigkeit, für verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen. Aber einen Sinn habe ich trotzdem nicht. Ich habe nie etwas werden wollen, mich nur in Geschichten und Büchern und in der Angst versteckt, in meinem kleinen Kokon der wortlosen Zeilen. Aber einen Sinn habe ich nie gefunden. Einen Sinn nicht und Niemanden, der lange meine Hand gehalten hat, der bei mir geblieben wäre, Freunde, oder wie sich so etwas bezeichnen ließe. Ich bin immer allein gewesen. Mal waren Menschen da, aber sie sind nicht lange geblieben. Die Einsamkeit ist meine zweite Haut. Manchmal spreche ich wochenlang nicht mit einem einzigen Menschen, schreibe nur wenig mit dem einem Menschen, der mich liebt, gehe zum Sport, zur Arbeit und mache mir Sorgen, vor allem das und immer wieder: Sorgen. Und bei all den Sorgen sind all jene Dinge passiert, mit denen ich niemals gerechnet hätte, die ich niemals berechnen hätte können. Nur dass ich allein bin, das ist geblieben.

Er hat auch immer am Stammtisch gesessen. Eine Weile zumindest. An seinem kleinen Ort in seinem Zimmer in dem großen Haus, das nie wirklich mit Kinderlachen gefüllt war. Die Zeit hat ihn mürbe gemacht. Er trägt nun die Wunden der alten Zeit, in der er immer alles gegeben hat. Jetzt kann er nicht mehr geben. Es ist nur eins geblieben: Zeit.

Da draußen ist es dunkel. Nun legt sich die Stadt in ihr wahres Licht. Ich möchte nicht, dass die Tage wieder länger werden. Dann schmerzt die Einsamkeit so sehr. Im Dunklen kann ich schlafen. Viele Stunden. Weitaus mehr als die meisten Menschen. Der Schlaf ist mein Hort, er ist meine Zuflucht. Wenn es heller wird, dann gehen die Menschen wieder raus, sie sind wieder glücklich und unterwegs. Ich bin dann wieder allein und fühle die Müdigkeit im Lachen der anderen. Und dann möchte ich wieder einschlafen und nicht mehr aufstehen, dieses eine Mal wirklich gehen. Und bei dem Gedanken kann ich wieder Lächeln, weil das vielleicht die wahre Heimat ist, die ich so schmerzlich vermisse und nie hab finden können. An diesem Ort könnte ich nicht mehr einsam sein. Und auch nicht mehr viel hinter mir lassen.

2 Kommentare zu „Einsamkeit

  1. Noch nie haben Zeilen, Gedanken von Dir mich kalt lassen können. Inzwischen weiß ich, dass das nie der Fall sein wird. Dein Denken, Dein Schreiben, Dein Fühlen, die Aura, die ich in und zwischen Deinen Zeilen spüre, erreichen mich, sprechen mich an und laden mich ein. Immer! Auch wenn sie so sind wie heute. Gerade dann.

    Ich kann nicht so vermessen sein, Dir einen Sinn einreden zu wollen. Aber ich möchte so aufrichtig sein, Dir zu sagen, dass Du einen Sinn hast, auch wenn Du selbst nie danach gesucht hast. Allein darin, dass und wie Du mich erreichst hast Du einen Sinn. Einen guten, einen wichtigen. – Ich vermag nicht zu sagen, wie oder ob Du andere Menschen auch erreichst, gar in der Weise erreichst, wie mich. Aber mich erreichst Du. Ich bin sehr dankbar, Dir begegnet zu sein, Dich gefunden zu haben, Dir schreiben, mich mit Dir austauschen zu können.

    Du erschreckst mich nicht. Das hast Du noch nie getan. Auch Dein heutiger Text erschreckt mich nicht. Er ERREICHT mich, beschäftigt mich, weil ich ihn nachvollziehen kann. Du wirst mir nicht fremd, wenn Du schreibst wie heute. Im Gegenteil: Du bist so ehrlich in dem was und wie Du schreibst. So etwas ist sehr selten. Selten und schön.

    Ich weiß auch nicht, ob ich Dir ein bisschen von Deiner Einsamkeit nehmen kann. Ich würde das gern, weil ich sehr genau weiß, wie sich Einsamkeit anfühlt, auch, wenn ich womöglich eine anders determinierte kenne als Du. Aber das ist nicht entscheidend. – Ich spüre, dass das „Einsamkeit empfinden“ etwas ist, das wir beide kennen. – Du sollst, BITTE, wissen, dass Du darin NICHT allein bist. Ich weiß: Das ist kein Trost. – Ich kann und will mir auch nicht anmaßen, Dich zu trösten.

    Aber ich möchte, dass Du weißt, dass Du Dein Empfinden, sei es das der Einsamkeit, das der Traurigkeit, das der Sensibilität und jedes andere auch, gern mit mir teilen darfst. Wenn Du es willst. Jederzeit! Und OHNE jede Bedingung oder gar Forderung meinerseits. – Ich möchte Dir Vertrauen schenken und Dir sagen, dass Du es gern annehmen darfst.

    Viele ganz liebe, ganz aufrichtige Grüße an Dich, liebe sheshebens! 💚🌻

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebes Du, ja, Liebes Du!

      Deine Worte bedeuten mir unglaublich viel. Da steckt so viel Liebe drin, so viel Zeit, so viele Gedanken und so viel Verständnis! Das ist ganz, ganz wunderbar. Ich bin – wirklich – gerührt. Es gab niemals Jemanden, der mich so aufmerksam gelesen hat, wie Du es tust (außer den Schatten aus dem letzten Post, aber er versteht es sowieso nicht, von daher ist es nur die Gier nach Information) und mir so viel Positivität vermittelt hat! Wie schön es ist, dass Du mich verstehst. Ich bin gerührt. Deine Worte sind wirklich, wirklich Balsam.

      Die Einsamkeit ist ein schlingendes Gefühl. Sie zerfrisst den Menschen, zeichnet das Gesicht. Es ist zum Teil auch selbstverschuldet. Ich möchte das nicht alles an andere abtreten – Ich bin nicht einfach und geplagt von meinen Spuren – aber bereit, darüber nachzudenken und es zu verändern. Aber manchmal werden die Stunden lang und länger und aushaltbar – So scheint es mir. Einsamkeit kann niemand versteht, der sie nicht gespürt hat. Und es gibt viele Formen, daher glaube ich Dir, dass ich nicht allein bin und bin Dir dankbar für diese Worte des Verständnisses!

      Und ja – Ich schreibe wie es mir ist. Ich muss hier Niemanden erreichen. Ich verfolge kein Ziel mit diesem Blog. Das tun Andere, zuauf. Ich tue das nicht. Es ist mir egal – Ich hab ewiglich Blogs gehabt ohne einen einzigen Leser. Ich hab immer nur schreiben wollen – Umso dankbarer bin ich aber über Deine Anteilnahme daran. DANKE.

      Liebe Grüße

      Sheshebens

      Gefällt 1 Person

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