Eindrücke

Manchmal sitze ich da und frage mich: Was würdest Du tun?

Kalt ist der Boden unter den Füßen zwischen den Stühlen, der Frost an den Händen, während die Sonne aufgeht, die Menschen aufstehen, rausgehen, der Mann dort eine Zigarette raucht, der andere sich zum Tee hinauf streckt; das wird er den ganzen Tag nicht mehr tun, er wird sitzen und sich fallen lassen in das Sofa auf die warme Couch in das warme Bett; zu einer Zeit, in die Aussagen noch aussagekräftig genug waren, die Arbeitskraft noch gereicht hat, der Widerspruch nicht Widerhall an den Wänden der Wortlosen gewesen ist; sie sitzen und schauen verwirrt von ihren Tellern hoch; sie waren gut gefüllt, geführt, auf einer endlosen Reise der Leichtsinnigkeit.
Die Frau dort aber, sie hat Glück, erscheint im rechten Moment an der Tür, an der Pforte, an der Eingangshalle zur Ausgangslage, zur Einhaltung der Erinnerungen.

Ich sitze da und habe ein schlechtes Gewissen, während ich die Pause mache, die mir zusteht. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal muss, wenn ich mal öfters muss, wenn ich mir mal einen Tee hole, wenn ich pünktlich Feierabend mache, um nicht im Stau zu stehen, um am nächsten Tag wieder pünktlich zur Arbeit zu gehen, wieder zu sehen, wo ich denn dann hinkomme, wenn ich mich müde in die Laken schmeiße und mich frage, auf welchem Weg ich etwas erreichen möchte, wenn ich das, was ich tue, nicht verstehe und nur immer weiter gehe und gehe und gehe und sehe, dass dort kein Weg mehr ist, keine schotterne Straße aus alten Filmen, aus alten Erinnerungen, die Bilder, sie sind da, sie kommen hoch, sie sind neu, sie sind abscheulich – Heute Morgen habe ich im Auto geweint, weil mir so schwer ums Herz wurde, so schwer, dass ich das Steuer ein bisschen zur Seite gerissen und mich doch beherrscht habe, geherrscht über den Augenblick, den Moment.

Sie sind alle beschäftigt, geschäftigt, das Zittern auf dem Flur, immer hat Jemand einen Kaffee in der Hand, immer wird ein Plausch gehalten, eine Sitzung gesessen, geredet und koordiniert; wieder ein Mann, wieder raucht er, aber dieses mal steht er da und kommt vom Sport und lehnt an seinem Auto und in dem Gebäude sind die ganzen Hamster auf ihren Laufrädern und Laufbändern und sie sind gefesselt von dem, was sie in diesem Moment zu tun pflegen; es reicht für ein müdes Lächeln, aber ansonsten ist der Moment so kurz, dass er wieder vorbei ist und die Menschen sich in Schweigen hüllen, in das Gold einer anderen Zeit.

Manchmal frage ich mich: Wer bin ich eigentlich? Dass ich so viel verstehe und so wenig weiß und hinter so viele Fassaden blicken kann und es doch nicht nutzen kann, weil die Menschen sich ihrer Widersprüchlichkeit nicht bewusst werden wollen, nicht bewusst werden wollen, dass die Wahrheit nicht die ist, die wir serviert bekommen – Da ist Jemand, der hat genauso viele Emotionen wie ich und schafft es doch, vielleicht, wo auch immer – Ich verstehe es nicht, zu verstehen, zu sehen und gleichzeitig so verloren zu sein in den eigenen Gedanken und in den eigenen Welten und in dem eigenen Gewissen; das eigene Wissen, da ist mehr, was dahinter ist, aber da ist Niemand, der einen Spiegel gibt und die Welt ist wirr – Die Gedanken bleiben still, sie sind gestolpert über das Los der Zeit, der Prestigé der Anderen, der Älteren, manchmal auch der Gleichaltrigen, weil sie so viel erreicht haben, was ich – Aber hab ich nicht auch? Hab ich nicht bereits veröffentlicht und gerade einen Job und eine gute Arbeit und bin ich nicht – Die Welt ist wirr in ihren Worten, mir fehlt der Mut zur Mutlosigkeit, zur Verzahnung der Zeit, der Endlichkeiten, der Unheimlichkeiten.

Wo sind die wirren Sätze geblieben? So muss es sein, das Sprechen zu verlernen und die Menschen, die keinerlei Anstand haben, einander anständig zu sein. Es ist keine Furcht. Es ist die Verharmlosung der Zeit der leeren Bilderbücher aus längst vergangenen Zeiten, aus der Ruhe der Rastlosigkeit der Ratlosen. Es ist, was es ist, aber nicht, was wir versuchen wollen. Es ist eine fehlerhafte Wirklichkeit, in der die Träume derer, die es besser wussten, an der Realität derer, die sein mussten, zu grunde gegangen ist. Irgendwo da draußen ist mehr als das Nichts, ist mehr als die leere in den Worten des einen Menschen, der immer versucht hat – Zumindest in der letzten Zeit. Die Zeit ist so schnell vorbei, sie hat keinen Platz für diejenigen, die sich im Warten festgehalten, festgefahren haben. Es gibt kein Zurück. Es geht so viel schneller und noch immer ist alles von der Negativität und den stummen Schreien geprägt, den stummen Erinnerungen des lautlosen Films in den Köpfen der singenden Menschen. Da draußen irgendwo wartet die Sehnsucht und wird erfüllt werden und Ehrfurcht sein.

Manchmal frage ich mich, wie es wäre, nicht zwischen den Stühlen zu sitzen, sondern aufrecht durch den Gang zu gehen und die Wahrheit zu sehen –

Manchmal frage ich mich: Würdest Du das auch wirklich tun?

7 Kommentare zu „Eindrücke

  1. „Niemand, der einen Spiegel gibt und die Welt ist wirr …“
    An dieser Stelle habe ich innegehalten beim Lesen Deines Textes, liebe sheshebens. Innegehalten aus dem einen Grund, der mir plötzlich so deutlich, so klar erschien:
    Ich lese Deinen Text, und es ist, als ob Du mir damit einen Spiegel gibst.
    Ich weiß jetzt, dass ich nicht nur durch diesen Text heute in den Spiegel gesehen habe, sondern schon in so vielen vorherigen. Aber in diesem heute doch irgendwie besonders.
    Dein Erkennen anderer Zeiten, „als Aussagen noch aussagekräftig waren“, das Auftauchen des eigenen schlechten Gewissens während des redlichen Mühens alle Tage wieder, die immer wiederkehrende Frage nach dem „Wer bin ich eigentlich?“ und so vieles andere mehr – genau all das, ist der Spiegel in dem ich mich erkenne.
    Das einzige was mich dabei etwas verunsichert ist mein Wissen, dass ich mutmaßlich so viel älter an Jahren im Vergleich zu Dir, MICH sehe, MICH erkennen kann in diesem Spiegel. Andererseits fasziniert es mich und, ja, es schenkt mir Heimat.
    Heimat ist für mich in allererster Linie ein Empfinden, das Empfinden VERSTEHEN zu finden, mich nicht verstellen, keine Sorge vor Versagen überwinden zu müssen.
    So habe ich also in den Spiegel gesehen, der Dein Text ist und Du hast mich aus ihm angeschaut, mir von Dir erzählt, Deinem Wahrnehmen, Deinen Gedanken, Deinen Fragen und jenem Moment als Du Dich (und dafür bin ich zutiefst dankbar) Dich beherrschen konntest und das Steuer so halten, dass Du auf der Straße bliebst.
    Du weißt, dass ich alle Deine Texte lese. Magst Du Dir vorstellen, dass ich Dir dabei, durch das Spiegelglas hindurch meine Hand reiche, dass sie da ist und da bleibt, dass Du sie greifen und drücken und Dich an ihr festhalten darfst? Meine Hand, die nichts fordert, die nicht mehr und nicht weniger als aufrichtige Freundeshand sein will.
    Magst Du Dir das vorstellen?
    Ich danke Dir!
    Dafür.
    Und für den Text. Und den Spiegel. Und für Dich.
    Liebe Grüße, eine friedliche und traumschöne Nacht und von nun an Tage, an denen für Dich (m)eine Hand da ist, die Du greifen darfst, wann immer Du möchtest. 💚

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    1. Mir fehlen wirklich die Worte zu diesem Kommentar! Ich danke Dir sehr dafür, dass Du mir Deine Hand reichst – Das ist ein schönes Gefühl. Ich ahnte bereits, dass sich manche Dinge mit dem Alter anders darstellen werden. Es wäre nur schön, dann nicht traurig auf die Vergangenheit zu blicken…
      Danke!

      Ganz, ganz liebe Grüße zurück !

      Sheshebens

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      1. Hmmm, und ich meinte, dass sich mir die Dinge gerade nicht anders darstellen als in jüngeren Jahren. Das lässt mich ein bisschen verunsichert sein, weil es die Frage provoziert, ob mir meine „Lebenserfahrung“ so gar nichts nutzt, die Welt mittlerweile etwas anders zu sehen bzw. „verarbeiten“ zu können. – Meine Antwort auf diese Frage ist, wann immer ich sie mir stelle, freilich grundsätzlich immer wieder: Nein.

        Einerseits bin ich darüber sogar ein bisschen froh, weil ich also mutmaßlich nicht abgestumpfter, nicht gleichgültiger, nicht unsensibler geworden bin im Laufe der Zeit. Andererseits stupst es mich recht unsanft auf meine immer wieder zu durchlebende Gefühlswelt, eben auch nicht abgeklärter, souveränder, gelassener geworden zu sein mit den Jahren: Es strömt unverändert alles völlig ungefiltert auf mich ein.

        Da das so ist, sind meine Rückblicke, wie auch meine Vorausschauen tatsächlich weitgehend traurig. Viele Menschen, verlieren unter anderem deshalb die Geduld mit mir, wenden sich schließlich ab.

        Ich gebe freilich niemandem die Schuld daran, dass das so ist. Ich kann es meistens sogar verstehen, gut nachvollziehen.

        In diesem Zusammenhang sollst Du eines wissen, liebe sheshebens:

        Ich beabsichtige nie, dass Dich etwas, was ich denke, schreibe etc. runterzieht. – Ich habe eine generalisierte Angststörung und durchlebe immer wieder mittelschwere depressive Episoden, manchmal anhaltend. Beides ist diagnostiziert.

        Ich schreibe Dir das so offen, weil DU es wissen sollst, wissen muss, wissen darfst. Weil es mich, die Art wie ich bin, ein bisschen erklärt. – Ich WEIß, dass es oft schwer ist, mich auszuhalten. Nicht zuletzt aus ganz persönlicher Erfahrung mit mir selbst. 😉 Tu Dir mich also bitte nur an, wenn es Dir selbst nich weh tut. Sag mir bitte, wenn es zu viel wird.Bitte.

        Ich finde es sehr schön, dass Du meine Hand annehmen magst. Für mich ist das ein bisschen wie der I-Punkt auf einem schönen Charakter, Deinem Charakter halt.

        Ich danke Dir sehr, dass Du da bist.

        Ebenso liebe Grüße zurück an Dich!

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      2. Ich habe heute Morgen noch in einem Buch, „Physik der Schwermut“, folgenden Satz unterstrichen: Ich ertrage keine kategorischen Menschen. Er passt gerade so schön, weil nicht deine Diagnose dich ausmacht oder schlechter macht. Sie ist eine Kategorisierung, die nicht die Facetten des Menschen abbilden kann, der dahinter steht, der damit zu kämpfen hat, was die Natur ihm gegeben hat. Es ist – für mich – irrelevant, wie andere dich bezeichnen oder sehen, warum sie dich nicht aushalten können. Ich bin selbst ein schwieriger Mensch, so dass ich gar keine Menschen mehr um mich habe. Ich habe die zerstörerische Art eines Orkans und damit meine ich nicht eine Boe wie Sabine und oft genug mit meiner Präposition unter Vorurteilen gelitten. Das muss nicht sein.
        Ich nehme mir zu Herzen, was Du sagst, aber Du tust mir nicht weh und ich werde Bescheid sagen, aber ich denke nicht, dass ich das brauche, weil ich nachvollziehen kann, wie du bist und wie es sein muss, nur viele, viele Jahre zurück.

        Es ist schön, dass wir schreiben. Fühle dich gedrückt und mit offenen Armen empfangen, wie schwierig Du Dich auch selbst bezeichnest!

        Liebe Grüße
        Sheshebens

        Gefällt 2 Personen

      3. Danke, das ist wirklich sehr freundlich, sehr lieb, ein großer Vertrauensbeweis. –

        Ich kann so gar nichts Zerstörerisches an Dir finden – ich nehme Dich als sehr selbstkritisch, sensibel und einfühlsam wahr. Ich weiß nicht, was andere in Dir sehen, auch nicht warum. Ich finde es auch gar nicht wichtig.

        Ja, ich finde es auch schön, dass wir schreiben – ich schätze es sehr, mich mit jemasndem so austauschen zuu können, wie mir Dir. Das ist nur noch selten möglich.

        Deine Umarmung erwidere ich gern! 💚

        Gefällt 1 Person

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