Herrlich! Diese Menschen!

Ruhe. In der Nacht. Und am Tag? Sonnenschein Geschäftigkeit, Geschöpfe der Nacht, die sich einander nicht greifen können. Es fühlt sich an wie Ewigkeit, ein bisschen mehr wie die Heiterkeit der Zeit, in der die Menschen bloß gelebt haben. Der Konsum steht still. An seine Stelle ist nun die Haltbarkeit der Zeit getreten, das stumpfe Plätschern des Wasserhahns. Draußen ertönt ein Kinderlachen, ein erbarmungsloser Schrei. Das, wofür die ganze Natur ausgelegt ist, das überfordert den Menschen. Reproduktion, Fürsorge, Nachsorge. Dazwischen steht immer der Konsum, ein Wirtschaftssystem, das beständig wachsen muss. Nun kann es das nicht. Die Menschen sind sich und ihrer Sinnlosigkeit ausgeliefert. Sie fühlen sich wie die Helden der Nation. Sie können sich selbst darstellen, während ihre Vorstellungskraft zum Weiterdenken nicht genügt.

Es ist ruhig. Die Vögel zwitschern schon, weil es warm geworden ist und sie die Wärme nicht hinterfragen müssen. Sie nehmen sie einfach hin. Während ich laufe, bemerke ich, dass es die Zeit der Fischreiher ist, die, behebe, stolz ihren Blick in die Ferne richten. Aber auch sie haben Angst, fürchten sich vor meinem Schatten, meinen schnellen Schritten mit denen ich noch immer plane, einen Marathon zu laufen. Nicht dieses Jahr. Auch nicht nächstes. Aber irgendwann. Dann, wenn das Leben weitergeht, wenn die Ruhe Teil meiner selbst, meines Erlebens hat werden können.

Von außen besteht nun ein Anspruch, den wir selbst uns selten geben möchten.
Es ist die Ruhelosigkeit derer, die immer etwas tun müssen. Die Ruhelosigkeit, die Zeit zu nutzen, den Nutzen maximieren zu müssen. Die Erhabenheit derer, die die Hände im Schoß zusammenfalten können, während andere um ihre Existenz bangen müssen. Eine Zeit, in der es nicht mehr Normalität ist, sich am Wochenende sinnlos zu betrinken und feiern zu gehen, um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. Die Menschen, die Studenten, die in großen Heerscharen vor sich selbst wegrennen konnten, müssen nun auf einmal mit sich alleine sein. Alleine sein.
Es ist fast ein euphorische Gefühl, den anderen auch einmal voraus zu sein. Die Zeit jetzt nicht als besonders wahrzunehmen, weil der Alltag sich kaum verändert hat. Nie habe ich den Sinn im Konsum gefunden, den Sinn im Wegrennen von der Zeit. Und letztlich sind auch die Freunde dafür nie da gewesen. Aber es ist Genugtuung, dass die ganzen jungen Menschen nun ihren eigenen sinnlosen Bedürfnissen nachgieren, die Reisefotos auf Instagram nun durch „wir bleiben Zuhause“ – Label ersetzt werden und der ganze Spaß wieder von vorne anfangen wird, wenn die Krise überwunden ist. Die Dummheit des Menschen nämlich, das „ich, ich, ich“, die bleibt. Jeder ist nun ein Held der Zeit, der Zuhause bleibt. Es ist doch wahrlich schön, wie viel Zufriedenheit das den Menschen gibt, wie selbstgerecht sie ihre nach außen gerichteten Ansprüche erfüllen. Die Herrlichkeit besteht nur für sie in Ehrlichkeit. Für mich überwiegt die Heuchelei der Selbstdarstellung, die Lüge, die die Menschen nutzen, um nützlich zu sein. Aus der Arroganz heraus, dass es sie nicht trifft, die im gesicherten System ihre Zeit verschwenden können, während andere sie verwerten müssen.

Nicht nur draußen scheint die Sonne. Auch in meinem Herzen beginnt es zu blühen. Es ist nicht alles gut, das wird es niemals sein. Aber ich verstehe nun, was auf welchem Wege passiert. Ich blicke hinter die Fassade meines Fensters und sehe meine eigenen Schatten, die groteske Vergangenheit der verwirrenden Entscheidungen.

Die Menschen waren schon immer, wie sie eben gewesen sind. Sie haben sich schon immer dem angeschlossen, was allgemein als „breite Masse“ bezeichnet werden würde. Es ist grotesk und dennoch voller Herrlichkeit, zu beschreiben, dass auch diejenigen, gerade weil sie anders und besonders sein wollen, das gerade diejenigen so sehr mit dem Strom schwimmen, dass sie nicht einmal mehr begreifen, dass sie ins Wasser gefallen sind. Und sie sind ins Wasser gefallen, ebenso wie das Kind in den Brunnen. Die Herrlichkeit liegt in der Ironie dessen, dass jeder glaubt, etwas zu sein, etwas erreichen, etwas nutzen zu müssen. Dabei ist das nicht, was die Natur vorgegeben hat. Die Natur hat ihren Lauf, den die Menschen haben unterbrechen wollen. Die jetzige Zeit ist der Rückkopplungseffekt der Selbstherrlichkeit – Ein Netz, das sich auch weiter spinnen wird, weil die Menschen weiter in ihrer Mitteilsamkeit leben werden. Das bloße Handeln ist ihnen fremd. Sie sind wie die Kinder, die weinen, weil die Erwachsenen zuschauen.

Die ruhigen Stunden in der Sonne zeigen mir, was wichtig ist – Der kurze Augenblick des ehrlichen Spiegelbildes, auf der herrlichen Wiese des Lebens, auf der die Schafe weiden und nicht wissen, dass sie die Illusion des Stilllebens sind.

Ein Kommentar zu „Herrlich! Diese Menschen!

  1. Liebe sheshebens,
    abermals ist es so, dass ich vor diesem Fenster sitze, Deine Zeilen lese und empfinde als seist Du ich. Als hättest Du aus mir herausgeschrieben. Im Stil sicher anders als ich selbst es tun würde und könnte aber vom Inhalt her so ganz und gar Übereinstimmung mit meinen Wahrnehmungen, meinen Befürchtungen, dem was mir durch Kopf und Herz geht.
    Auch dieser Text hier heute ist wieder wie eine Unterhaltung von Dir mit mir, in jener Besonderheit, die so ganz selten ist, und nach seiner Lektüre ist es, so als würde ich mich mit jemandem ausgetauscht haben und darüber ein bisschen Halt gefunden haben, so wie das geschieht, wenn da eine wirklich verwandte Seele ist.
    Wenn es Dich auch ein bisschen stützen könnte, wenn ich Dir schreibe, dass ich Dich sehr verstehe, dass ich sehr dankbar bin, dass mich ein Mensch wie Du auch und gerade in diesen Zeiten begleitet, dann gehörte das für mich zum Schönsten, was ich im Augenblick tun und wissen könnte.
    Viele besondere, ganz liebe und Dir unbedingt Gesundheit wünschende Grüße! 💚 🌷

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