Gedanken (1)

Der kleine Wald vor dem Haus ist ein riesengroßes Biotop. Dort stehe ich und atme tief ein, atme aus, schaue auf den toten Baum, der stehen bleibt, damit ein Specht sein Vergnügen darin haben kann, auf den Hasen und die Taube (nicht den Igel), die dort sitzen und einen Plausch zu halten scheinen; ich höre das Vorbeirauschen des Zuges, die Unruhe von der Straße, die in der Nähe ist, lausche den Vögeln, die ihre Zeilen austauschen und ihre Flügel in den Wind schlagen. Ich gehe weiter, höre auf zu atmen, schaue auf den verwachsenen Kies am Schotterplatz, schaue auf die Hundebesitzerin, die ihren Hund bespaßt; ich atme abermals ein, atme aus, gehe weiter durch die Straßen, die mir so bekannt geworden sind, die mir so fern waren wie die Ziegen, die keine fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt sind, die ich aber in drei Jahren nicht gesehen habe – nur heute, heute an dem Tag, an dem ich spazieren gegangen bin, weil ich mich spüren, nicht weil ich mich bewegen wollte.

Die Ehrlichkeit in der Stimme derer, die schon viel im Leben mitgemacht haben, ist mehr als die Unaufrichtigkeit der Menschen, die sich mitteilen wollen, das Leben teilen, die Welt bewegen, sich selbst im Kreis verdrehen wollen. Vakuumierte Gestalten in leeren Häusern in ihren klanglosen Geschichten; es ist eine Farce wie sie nach Aufmerksamkeit gieren und sich mit der Selbstbeachtung inszinieren und ihrer Selbstherrlichkeit begreifen, mit der sie nach sinnlosen Begierden greifen wollen. Sie alle sind besser, sind größer, schneller, stärker. Sie sind gefangen in ihrer Gier und in ihren Worten und in ihren selbstverliebten Geschichten aus der Isolation. Sie haben vorher auch nichts sinnvolleres gemacht, aber jetzt können sie immerhin so tun als würde ihnen wie anderen Menschen auch die Decke auf den Kopf fallen, so dass sie zum sinnlosen Sinnieren gezwungen werden; dass ihre Lächerlichkeit aber weder die Nachwelt trägt, noch etwas verändern wird, das zu begreifen sind sie nicht in der Lage. Sie möchten sich darstellen um der Eigenheiten willen, den Trotz der Gier der Zeit.

Diese Worte sind so holprig wie meine eigenen Gedanken. Sie sind müde aus den letzten Tagen, den Wochen, den Krankheiten und den Veränderungen. In meinem Geist ist stet die Angst. Sie ist diffus, aber bedrohend, mächtig, übergreifend. Ich kann die Anspannung selten verstehen, kann die Augen nicht schließen und mich dem Moment nicht hingeben. Ich wünsche mich zurück in die Zeit, in der es noch keine Gründe für Verabredungen geben musste, in der es einfach nur um die Leichtigkeit des Seins ging, um die Wellen, in denen die Menschen sich bewegt haben, in denen es mitzuschwimmen galt, in denen der Alltag strukturiert und vorgegeben, ohne Sorgen über das Leben gewesen ist. Ich vermisse die Zeit, in der die Süßigkeitenschublade das Objekt der Begierde gewesen ist, in der es nicht darum ging, wie Jemand ausgehen hat oder wie viel Jemand erreicht hat. Ich vermisse die Zeit, in der es einfach war, weil es nichts gab, worüber es nachzudenken gelohnt hätte: Der Tag war für sich, was der Tag eben gewesen ist, mit allen Möglichkeiten, die er gehabt hat. Die Angst hat früh angefangen und ist doch später gewesen als die Zeit, die wir gehabt haben.

Die Menschen sind laut, sie poltern durch die Gänge und die Wohnungen und die Erlebnisse. Die Welt ist unruhig unter den Balken, die sich über den Lasten der Rückräder brechen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Die Habgier ist Konsumwut und blinder Aktionismus. […]

2 Kommentare zu „Gedanken (1)

  1. Ich bin Dir wieder gefolgt auf Deinem Weg, habe alle die Bilder gesehen, die Du gesehen hast und konnte alle Empfindungen aufnehmen, die Du geteilt hast.

    Wenn ich Dich lese, habe ich immer noch mehr Gedanken, noch mehr Fragen – solche, die aich abergewöhnlich nicht stellen kann. Die meisten Menschen könnten und würden sie nicht verstehen.- Ich schreibe das nicht aus Arroganz, sondern weil ich es schon so oft erfahren habe.

    Du schreibst so oft von Deiner Angst, liebe sheshebens. Manchmal habe ich so etwas wie eine Ahnung, das sie der meinen, die ich ja sogar als eine generalisierte diagnostisiert bekommen habe, ähnlich ist, dass sie aus ähnlichen „Quellen“ getränkt und genährt wird. – Das rührt mich unglaublich an, weil ich so auch ahne, was und wie Du Dich oft tatsächlich fühlst.

    Ob Corona oder nicht, liebe sheshebens: Meine Schulter ist für Dich da, zum Anlehnen, zum Atemholen, für ein bisschen aufrichtig geschenkte Geborgenheit. Wann immer Du möchtest und ohne jede Bedingung.

    Viele, liebe Grüße an Dich! 🌷

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  2. Lieber Sternflüsterer,

    es tut so gut, dass Du mich liest und verstehst! Das ist etwas, was ich selten erlebe, vor allem von Fremden, und sehr genieße. Und vielleicht kannst Du auch irgendwann einmal Deine Fragen stellen, es wäre doch schön, wenn es darauf Antworten gäbe?

    Ja, die Angst… Sie ist ein ständiger und schrecklicher Begleiter. Aber sie kann auch Wege öffnen, weil die Welt anders aussieht, wenn sie nicht einfach nur ist… (Wenn man es positiv sehen möchte).

    Danke Dafür!

    Liebe Grüße auch an Dich,
    Sheshebens

    Gefällt 1 Person

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