Gedanken (2)

Es ist nicht, zu wissen, dass es dunkel ist, vergessen, welcher Tag gewesen ist. Hinter der Wut stecken Gedanken, hinter den Worten stecken Taten. Die Zeit ist endlos im Sonnenschein. Die Stunden sind echt, sie sind herrlich, aber der Gartenzaun des Nachbarn ist immernoch da, er ist weißer, das Gras ist grüner, die Welt ist schöner, er ist klüger, herrlicher, ehrlicher. Es ist schwer, wenn das eigene Ich immer wieder ins Gefecht zieht, wenn sogar die Bildung zu einem Wettkampf verkommt, in dem es sich mit anderen zu messen gilt. Es ist schwer, sich selbst in all den Momenten, die die anderen vorgeben, zu begreifen, zu reifen und das eigene Leben als jenes anzunehmen, welches gegeben, welches in der Zeit genommen worden ist. Es scheint manchmal so, als wäre alles, was dort wächst und gedeiht einfach in seiner Herrlichkeit beschrieben. Nur der Mensch wird an seine Zerbrechlichkeit und seine Wut erinnert und an all die Tragödien, die das Denken im Bewusstsein mit sich bringt. Aber vielleicht ist es dumm, zu glauben, dass nur der Mensch ein Bewusstsein hat, ein solches, wie wir es besitzen. An der Klugheit der Spezies lässt sich zunehmend zweifeln, an den Zielen, den Werten, der Moral der Zeit. Auch wenn ich den Tod nicht fürchte, so habe ich doch auch Angst vor ihm, ebenso wie ich Angst habe, bei der Arbeit etwas falsch zu machen oder den Weg nicht zu Ende gehen zu können. Vor mir liegen nicht mehr viele Jahre, in denen ich die Richtung finden muss, aber eine Menge Zeit, um diese Richtung zu sehen. Und sie ist nicht der leichteste, aber der richtige Weg in eine Welt, in der ich den Verstand auch nutzen kann, der sonst nutzlos verwirrt und verwelkt und sich mit den eigenen Sinnlosigkeiten beschäftigt, in denen andere das Leben sinnieren. Es ist jetzt die Zeit, zu lernen. Die Zeit zu wachsen, sich zu strecken, sich der Wirklichkeit hinzugeben. Es ist die Zeit, in der es nicht mehr darum geht, sich mit den anderen zu vergleichen, sondern sich selbst zu sehen, die Blindheit der Anderen zu bedenken.

Das Waldstück ist nun voller Menschen, Kinder, Kinderwagen und Geräuschen. Die Sonne lässt die Menschen aus ihren Häusern treten, hinaus in eine Welt voller Gefahren, denen sie sich sonst nicht bewusst sind. Ein Kaninchen hockt in einem Erdhügel und wartet, bis die Krähen die Körner vom Feld aufgesammelt haben. Es interessiert sie nicht, dass diese Aussaat nicht für sie bestimmt ist. Sie nehmen sich, was sie brauchen, was die Natur ihnen anbietet, wohin der Hunger sie treibt. Doch im Gegensatz zum Menschen haben sie kein Ziel. Sie fragen sich nicht, warum sie das tun, wofür sie es tun sollen, auf welchem Wege ihr Andenken sie überlegen kann, ob sie überlegen sind. Den Kampf ums schönste Gefieder gibt es auch in der Natur, aber der Egoismus der Menschen ist schlimmer noch als der Sonnenschein, der die Gemüter mit Lebensfreude erhitzt. Es scheint als wäre alles eine Farce, in der das Leben ein Schauspiel der eigenen Leibhaftigkeit wäre …

Je länger drüber nachgedacht wird, umso mehr fehlt den Dingen ihr Sinn. Es reicht die Schamlosigkeit derer, die sich in ihrer Selbstdarstellung wälzen. So lange die Menschen etwas haben, mit dem sie sich zeigen können, so lange werden sie existieren mit dem, was sie nicht getragen haben werden. Die Verbindungen sind zwischen den Strängen, die wir nicht sehen können. Sie sind lose Schleifen in den Beziehungen, die wir zu führen pflegten. Auch wenn wir versuchen, das Leben anders zu gestalten, so ist es doch nicht einfacher, sich selbst nicht mehr im Spiegel zu betrachten oder aber den Spiegel als nicht gegeben anzusehen. Das Bild, das wir haben, das ist nur ein Abbild dessen, was wir nicht sein wollen. Selbst wenn wir uns als Aussteiger schimpfen, so tun wir nur, was für eine kleine Reihe der Gesellschaft möglich sein würde, wir lebten auf Kosten des eigentlichen Systems. Es scheint manchmal als gäbe es keine Möglichkeit, das Richtige zu tun. Es gibt immer Kausalitäten und logische Rückschlüsse, die wir als nicht-ökonomische-Nutzenmaximierer wohl kaum begreifen können. Da ist es einfacher, sich im Spiegel anzuschauen und das Spiegelbild nicht als Reflexion der Zeit zu sehen. Der größte Fehler in dieser Perspektive ist dann aber, die eigene Unfehlbarkeit vorauszusetzen und sich selbst im Blickwinkel der Zeit in der Getragenheit der Anderen erhaben zu betrachten. Als ob es die Welt interessieren würde wie Jemand sein Gesicht immer und immer wieder in unterschiedlichen Kontexten in die Kamera setzt, nur, weil dies mit einem Tack versehen für Aufsehen sorgen kann. Die, die sich interessieren, sind häufig ebenso verloren wie die Person, die sich präsentiert, weil sie ihrem eigenen Leben eine Bedeutung beimisst, die so eben nicht existiert.
Wahrlich nicht jeder hat diesen Gedanken. Das Teilen der Inhalte ist ein Mitteilen der modernen Welt, ein Zeichen des Menschen, der ein soziales Wesen ist. Dass eben diese Eigenschaft dabei verloren geht, das steht auf einem anderen Blatt geschrieben, welches viele Menschen nicht einmal umdrehen, selbst wenn sie wissen, dass die Rückseite beschrieben ist. Die Nichterkenntnis ist die Unwissenheit des Sträflings, dessen Wege unergründlich hätten sein mögen.

Die schönen, sonnigen Momente sind Teil des Lebens, das wir alle führen. Sie sind aber auch ein Teil der Zeit, in der wir uns in den Konflikt und Kontrast und in die Kummulation mit anderen stellen. Auf der einen Seite stehen Erwartungen, auf der anderen Seite stehen Verwirklichungen. Es ist nicht einfach, das Leben so zu führen, wie es sich eben führen ließe. Es gibt kein Patentrezept für das Leben. Mein Problem ist, dass viele Menschen meinen, eben jenes Patentrezept – in Ermangelung anderer Beschäftigungen – für andere zu haben – oder sich in ihrer Gier nicht ihrer eigenen Unzulänglichkeiten bewusst werden. Manchmal sind die Einflüsse größer als die Wirklichkeit, in der die Menschen sich hätten begreifen können. Die Absurdität ist Entität und Schweigen. Die Kraft der Gedanken ist stark, kann aber keine Berge versetzen. Die Schau der Anderen ist die Reflexion des eigenen Ich ist das Licht, das sich am Ende des Tunnels bemerkbar macht. Sie ist ein teurer Preis; die Illusion, dass es ein Ende dieses Dunkels gäbe […]

3 Kommentare zu „Gedanken (2)

  1. Einige der Prämissen, die ich bezogen auf mein Leben erkannt und verstanden zu haben, glaube sind die folgenden:

    Mich mit anderen zu vergleichen ist, wenn nicht grundsätzlich töricht, so doch mindestens zweischneidig.

    Mich selbst will ich nie unkritisch betrachten, die Instanz dafür ist mein Gewissen, welches ein sehr strenger Wächter ist.

    Dialog steht für mich weit über Wettbewerb. Es bedeutet mir nichts, „Sieger“ zu sein. Es bedeutet mir viel, Heimat zu finden. Das, was gemeinhin alles unter Moral firmiert, ist mir generell suspekt. Moral ist ein von Menschen gemachter Begriff – darin liegt seine Tragik und seine Gefährlichkeit.

    Richtig und Falsch gibt es nicht. Es gibt nur menschlich oder unmenschlich. Was und wer wie menschlich ist, macht sich allein am Maß der Würde, der Rücksicht, der Demut im Umgang mit anderen Menschen und mit der Natur fest.

    Ich bin unvollkommen aber einzigartig. Ich will und gehöre in keine Schublade. Als solcher bin ich einer unter allen. Ich will nicht scheinen, ich möchte sein. Sein dürfen und können. So wie ich bin. So schwer ich das auch oft auszuhallten vermag.

    Ich will auf der Suche bleiben.

    *

    Das sind sozusagen meine ganz persönlichen Thesen zu Deinem Text – ich gebe zu, so, wie sie hier nun stehen, spontan geboren – sicher nicht „rund“ und nicht vollständig, und schon gar nicht stets von mir umgesetzt und realisiert (so stark war ich bislang noch nie). Aber sie sind ehrlich.

    Zu Dir mag ich sehr gern ehrlich sein. Denn ich sehe in dem was und wie Du schreibst, dass Du es auch bist.

    Viele liebe Grüße an Dich – hab‘ einen schönen Sonntag und bleib‘ gesund, liebe sheshebens! – Ich habe ein paar Frühlingsblumen für Dich: 🌷🌼🌷🌼🌹

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    1. Lieber Sternflüsterer,

      deine Thesen müssen nicht rund und nicht perfekt sein. Es ist schön, dass Du Antworten hast, auf Fragen, die ich nicht direkt gestellt habe. Ich stimme Dir zu, dass es nicht darum gehen darf, sich mit anderen zu vergleichen oder sich so zu betrachten. Aber oft tun wir Menschen eben Jenes, was uns nicht gut tut, wo wir uns selbst mit verletzten, was vielleicht in uns als soziales Wesen geprägt ist? Es gibt Antworten, die sich viele geben. Ich glaube aber, dass es wichtiger ist, die Antworten zu fühlen und – wie auch immer – zu sein, ohne sich unter Druck zu setzen, dass man dafür „stark sein müsste“. Die Stärke beginnt darin, sich aktiv Dinge einzugestehen, die nicht „perfekt“ oder „richtig“ sind oder wo man seine eigene Unvollkommenheit in den Vergleichen eben sieht…

      Ich danke Dir für Deine Ehrlichkeit! Es ist schön, dass Du mich – noch immer – so begleitest, auch wenn ich selten viel zum antworten komme. Es ist meine Eigenart, oft zu anstrengend, aber ich freze mich jedes Mal aufs Neue mehr über Deine Worte!

      Liebe Grüße
      Sheshebens

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      1. Liebe sheshebens,

        ich begleite Dich weiter, sehr gern weiter, Deine Eigenarten eingeschlossen. Es kommt nicht darauf an, immer gleich oder immer sehr viel zu antworten. Manchmal vermag man das gar nicht und die Gründe dafür können sehr vielfältig sein. – Wenn ich deshalb sogleich an Menschen zweifeln und/oder die Geduld verlieren würde, hätte ich wahrscheinlich selbst meine ganz kleine Handvoll wirklicher Freunde verloren.

        Dass Du Dich jedes Mal aufs Neue mehr über meine Worte freust, schenkt mir so viel: es bestärkt mich darin, nicht aufzugeben.

        Aber das tun auch Deine Texte an sich, Deine Art, sich mit mir auszutauschen – ich sehe einen besonderen, interessanten, schön seienden Charakter hinter Deinen Zeilen. Und so einem begegnen und ihn sogar begleiten, befragen zu dürfen, das macht und ist für mich Sinn an sich.

        Ich bin so froh darum, so dankbar dafür.

        Liebe Grüße auch an Dich! 💚

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